Heute haben wir einen „Ausflug“ gemacht. Mein Vater ist mit seinem großen Enkel (8), also meinem älteren Sohn, und mir nach Friedeberg/Neumark, heute Strzelce Krajeńskie gefahren. Das ist der Ort, in dem mein Vater geboren wurde.
Die kleine Stadt liegt gar nicht so weit von uns hier, aber eben jenseits der Oder, also in Polen. Trotzdem war ich noch nie dort. Irgendwie hatte es sich nicht ergeben.
Mein Vater hat uns den Platz gezeigt, an dem das Haus meiner Großeltern stand, erinnerte sich an den Zuschnitt der Wohnung, an die Stelle, an der – ungefähr – die Schuhmacherwerkstatt meines Großvaters war, an die Häuser in der nahen Umgebung, in denen Verwandte lebten. Das wußte er alles noch, obwohl er, als die Flucht vor der näherrückenden Front begann, erst gut drei Jahre alt war. Er erinnerte sich an den Moment, als er auf dem Arm meiner Großmutter vor der Tür stand und ein Mann – in schwarzer SS-Uniform auf einem schönen Schimmel – die Leute zur Flucht aufforderte. (Sicher hatte der einen anderen Terminus gebraucht.)
Die Alten und Kranken sollten sich nicht auf den beschwerlichen Weg begeben, sondern stattdessen am Bahnhof auf einen Transport warten. Aber sie wurden dort nie abgeholt…
Das Haus meiner Großeltern gibt es nicht mehr. Wie eine ehemalige Nachbarin, die erst später, in der 50ern, nach Deutschland ging, berichtete, haben es Soldaten der Roten Armee niedergebrannt. Vorher erschossen sie einen Polen, der bei meinen Großeltern als sog. Fremdarbeiter lebte. Der stand vor dem Haus, als die Armee einrückte, und bat darum, das Haus zu verschonen, weil er nicht schlecht behandelt worden war…
Die Kirche, in der mein Vater getauft wurde, war auch zerstört. Eine Bronzetafel im Eingangsbereich erinnert an den Priester, der sich um ihren Wiederaufbau verdient gemacht hat. Als Protestantin hat mich irritiert, daß zentral im Altarbereich anstelle des Kruzifixes eine Maria hängt… Aber natürlich ist diese Kirche jetzt eine katholische Kirche.
Damit das alles nicht falsch verstanden wird: Es ist mir deutlich bewußt, daß die Flucht und auch die Taten vieler sowjetischer Soldaten Folgen dessen waren, was Deutsche zuerst getan hatten: diesen Krieg anzufangen, anderen Völkern furchtbares Leid zuzufügen. Aber es ist schon etwas anderes, ob ich „theoretisch“ darüber nachdenke, oder ob ich einfach zuhöre und erfahre, woran Menschen sich erinnern. Da kommen dann einfach noch andere Eindrücke dazu, die mein Bild von der damaligen Zeit nicht revidieren, aber ergänzen
So bin ich heute abend einfach wieder traurig darüber, daß mein Vater den geschützten Raum seiner Kindheit verlor, als kleines Kind mit entwurzelten, hilflosen, verstörten Erwachsenen zurechtkommen sollte, die doch eigentlich für ihre Kinder stark und lebenstüchtig hätten sein sollen.
Und auch darüber bin ich traurig: Friedeberg - so ein schöner Name! - könnte heute eine „schnuckelige“ Kleinstadt sein, läge es an der Mosel oder wenigstens an der Saale. 70% der mittelalterlichen Stadtmauer (13.Jh.!) sind erhalten, auch die Stadttore. Um die Mauer herum gibt es kleine Gärten und schöne Seen. Viele Menschen würden davon angezogen werden, an der Stadtmauer entlang zu spazieren, in kleinen Cafés oder Biergärten zu verweilen, durch kleine Läden zu bummeln, in den Seen zu baden oder auf ihnen zu paddeln. Aber so sieht es natürlich nicht aus, nachdem Krieg und Sozialismus ihre Spuren hinterlassen haben! Auch deshalb bin ich traurig. Denn die Menschen, die dort leben, haben ja nichts besser oder schlechter gemacht, als die an der Mosel oder an der Saale.
So. Das hatte nun so ganz und gar nichts mit Handarbeiten zu tun. Aber das mußte nun auch mal raus.